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Nur ein Gänsehalter - Gedanken zum Jahreswechsel 2020
31.12.2019


Post von: Mathias Güthe





Es ist doch nur ein Gänsehalter – Gedanken zum Jahreswechsel

 

Es betrifft nur eine einzige Gänsehaltung in Sachsen-Anhalt. Warum also engagiert sich hier mit der Arbeitsgemeinschaft „Vogelfrei“ Cimbria ein Netzwerk, welches die Verhinderung, der als Maßnahme sinnlosen, bundesweiten Aufstallung von Freilandgeflügel während der letzten Vogelgrippezeit zu Ihrer Aufgabe gemacht hat?

 

Weil hier vieles falsch läuft! Es beginnt mit der Annahme, Freilandgeflügel und Wildvögel wären eine gesundheitliche Gefahr für industrielle Geflügelhaltungen, geht über die Anordnungen die zum Zwecke der Vermeidung dieser angeblichen Gefahr erlassen wurden bis hin zu der Art, wie hochherrschaftlich, das eigene Amt und die Aufgabe überhöhend, mit diesen Anordnungen umgegangen wird. Es gipfelt in der Verweigerung einstweiligen Rechtsschutzes durch die Judikative.

 

Die Gänsehaltung Mösenthin in Deetz in Sachsen-Anhalt ist ein Einzelfall, man ist geneigt, diesen einfach zu übersehen. Zu unwichtig im Gesamtkontext der relativen Ruhe um die Vogelgrippe, die wir gerade genießen dürfen?

 

Weit gefehlt. Wenn wir uns zurücklehnten, bloß um des lieben Friedens willen nicht an der Ruhe rüttelten, dann bedeutete es ja, dass für uns alles an diesem Fall in Ordnung wäre, wenn wir den Umgang mit dem Gänsehalter Mösenthin akzeptierten, signalisierten wir Einverständnis. Oder wir sähen einfach weg, während jemandem Unrecht geschieht, auf genau den Feldern, die für uns selbst hohe Werte darstellen. Letztlich bestraften wir uns selbst, weil es Ermunterung für alle jene wäre, die uns danach ähnliches Unrecht antun wollten.

 

Der Fall in Kurzfassung: Während der Vogelgrippezeit 2016/2017 erging zunächst der Erlass an Bauer Mösenthin, so wie in der Zeit von November 2016 bis April 2017 an viele mit ihm, seine Freilandgänse aufzustallen. Aber anders als in den anderen Gebieten und Haltungen in Deutschland besteht diese Pflicht bei ihm bis heute fort. Gestützt auf die EU Dürchführungsverordnung 2017/263 ordnet die Veterinärin des Landkreises Anhalt-Bitterfeld bis heute an, dass die Freilandhaltung zu überdachen und eine getrennte Fütterung der Gänse von Wildvögeln sicherzustellen ist. Seine Gegenwehr gegen Amt und gerichtliche Bewertung seither ist unter www.rgzv-cimbria.de in der Rubrik „mehr Informationen für Unterstützer“ ausführlich dokumentiert.

 

Falsche Grundannahme:

Der EU-Verordnung liegt die wissenschaftlich längst widerlegte Annahme zugrunde, dass Wildvögel durch Ihre Ausscheidungen freilaufendes Hausgeflügel mit hochpathogenen Viren infizieren könnten, welches wiederum Geflügel in hermetisch abgeriegelten Industriehaltungen infizieren könnte. Nun, stark krankmachende Viren könnten sich in Wildvögelbeständen nie lange halten. Mangels Tierdichte (was schnell tötet, braucht schnell viele Folgewirte) würde sich ein stark krankmachendes Virus in der dünn besiedelten Vogelwelt schnell tot laufen. Außerdem macht selten ein einzelnes Virus krank. Es bedarf einer infektiösen Dosis. Diese wird z.B. dadurch erreicht, dass die Wirtstiere durch Konzentration auf wenig Fläche das Virus mit dem eigenen Kot immer wieder erneut aufnehmen wie das in der Massentierhaltung der Fall ist. Neue hochpathogene Formen entstehen also in der Massentierhaltung und werden in ihrem stark verzahnten Wirtschaftskreislauf verbreitet. Dem Wildvogel oder der Freilandhaltung kommt hier die Opfer- nicht die Täterrolle zu. Selbstverständlich können sich diese Tiere mit hochpathogenen Viren infizieren. Aus der Geflügelindustrie kommt reichlich Austrag in die Umwelt. Vom Küken bis zur Schlachtware – Tiertransporte, der Mist teilweise versetzt mit toten Tieren auf die Felder, Schlachtabfälle als Fischfutter in die Gewässer bis hin zum Wurstbrot welches, achtlos weggeworfen von der Krähe verzehrt wird. (Siehe dazu die Analogie bei der afrikanischen Schweinepest). Wie aber soll umgekehrt der Wildvogel die Industriehaltung infizieren, Was hat Freilandgeflügel in einem Massenbetrieb verloren? Nichts – was die Abenteuerlichkeit dieser Annahme unter Beweis stellt. Die EU-Verordnung macht daraus: Wildvögel stellen ein Reservoir für hochpathogene Viren dar (Stimmt immer kurzzeitig wenn sie von der Industriehaltung infiziert wurden) und müssen daher von der Freilandgeflügelhaltung ferngehalten werden (stimmt vielleicht, in Ausnahmefällen bei hoher Tierdichte, am Fütterungsplatz im Freien, während eines Ausbruchs).

Es kann also keine Hochrisikogebiete geben im Sinne obiger Verordnung. Ein Hochrisikogebiet welches sich definiert durch hohe Wildvogeldichte (Zugvogelrastgebiete) oder Nähe zu Geflügelbetrieben (die keinen wirtschaftlichen Kontakt zu Freilandbetrieben haben) ist schlicht Blödsinn. Umgekehrt ist es für Freilandbetriebe ein Risiko, in der Nähe von Geflügelindustrie zu liegen, weil Sie dessen Emissionen fürchten muss. Diese Massenbetriebe müsste man folgerichtig verbieten.

 

Falscher Schutzreflex:

Wie auch in Deetz, hier liegen zwei Wiesenhofbetriebe in unmittelbarer Nähe der Freilandgänsehaltung, ist der Wunsch, die Geflügelindustrie zu schützen, wohl Vater dieser Gedanken. Einerseits weil diese Industrie die dazugehörige Pseudowissenschaft finanziert, andererseits weil man Angst um Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze hat. Zu kurz gedacht. Die Massengeflügelindustrie ist darauf aus, über viele Tiere mit niedriger Preisspanne billiges Fleisch zu produzieren. In Deutschland glauben wir tatsächlich noch, diesen Weg beschreiten zu können und mit Ländern mit niedrigerem Lohn- und niedrigeren Tierschutzstandards sowie niedrigeren Energiekosten konkurrieren zu können. Und selbstverständlich bieten diese Arbeitgeber häufig viele Arbeitsplätze (meist für fremde EU-Arbeitskräfte im Billiglohnbereich) und zahlen mehr Gewerbesteuer als ein einzelner Freilandbetrieb. Doch hier wird mit Scheuklappen geschaut, wie so häufig beim Vergleich von Industrie und Mittelstand. Die Freilandbetriebe beschäftigen mehr Menschen pro Geflügeltier, haben deutlich bessere Tierschutzstandards und zahlen ebenso viel Gewerbesteuer auf Ihre hochpreisigen Endprodukte - nur sie tun es eben nicht konzentriert auf einem Standort, sondern verteilt über die ganze Fläche der Republik. Was will Deutschland? Sind wir nicht besser aufgehoben, wenn wir Anbieter von Premiumprodukten werden? Regional gesunde Ware produzieren? Oder wollen wir weiter die Wertschöpfungskette eines einzigen Geflügelkonzerns für Billigfleisch subventionieren, bis wir erkennen, dass wir mit echten Billigländern doch nicht konkurrieren können. Was, wenn die Industrie international nicht mehr wettbewerbsfähig ist, wir bis dahin aber die Infrastruktur der mittelständischen Freilandbetriebe zerstört haben? Machen wir dann (weitere) Zugeständnisse beim Tierschutz oder bei der Lebensmittelkontrolle? Wo, lieber geneigter Leser dieser Zeilen, soll eigentlich Deine ganz persönliche Weihnachtsgans herkommen?

 

Falsche Anwendung der bestehenden Gesetze:

Wenngleich die bestehenden Verordnungen auf obigen falschen Annahmen fußen, so sind sie doch mit manch gutem Willen verfasst. Eine Grundregel bei Verordnungen und Gesetzen ist immer die der Verhältnismäßigkeit und so ist auch die Durchführungsverordnung 2017/263 verfasst. Darüber hinaus wurde sie durch die Verordnung 2018/1136 ersetzt! Ein Umstand, den der Landkreis Anhalt-Bitterfeld geflissentlich ignoriert. Ein Richter hat nicht die Aufgabe, bestehende Gesetze auf ihre fachliche Richtigkeit zu überprüfen, das wäre Aufgabe der Legislative,die leider stark von Lobby und deren Geld beeinflusst ist. Ein Richter hat die Aufgabe, bestehende Gesetze anzuwenden und die Verhältnismäßigkeit bei der Auslegung zu überprüfen!

Der Landkreis ordnet an, dass die Gänse von Herrn Mösenthin durch Überdachung daran zu hindern sind mit Wildvögeln gemeinsam Futter aufzunehmen. Dazu sollen die Futterplätze in den Innenraum verlegt werden. Wir haben uns schon stark von unseren Nutztieren entfremdet, wenn eine Kreisveterinärin schon nicht mehr verinnerlicht hat, dass Gänse von Natur aus Weidetiere sind. Eine Weidefläche indoor zu verlangen und eine Freilandhaltung mit Überdachung (Stall ohne Fußboden ?) zu verlangen ist vieles: Schräg, unkonventionell, weltfremd vielleicht aber sicher eines nicht: Verhältnismäßig! Baurecht, Kosten und Natur der Gans machen diese Forderung zu einem de facto Haltungsverbot und für einen Freilandbetrieb zum Verbot der Berufsausübung. Schrieb die, unter der Panik der akuten h5N8 Seuche, verfasste Durchführungsverordnung 2017/263 noch vor:

 

„In den Hochrisikogebieten verbieten die Mitgliedstaaten a) die Freilandhaltung von Geflügel;....“

 

So schreibt die neuere Erkenntnisse berücksichtigende 2018/1136 an gleicher Stelle:

 

In Abhängigkeit von der Bewertung der Seuchenlage im Sinne von Absatz 1 verbieten die Mitgliedstaaten in Hochrisikogebieten folgende Tätigkeiten:

 

b) die Freilandhaltung von Geflügel, es sei denn i) das Geflügel ist durch Netze, Dächer, horizontal angebrachte Gewebe oder andere geeignete Mittel vor dem Kontakt mit Wildvögeln geschützt; oder ii) das Geflügel wird im Stall oder unter einem Unterstand, durch den der Zugang von Wildvögeln ausreichend verhindert wird, mit Futter und Wasser versorgt, sodass Wildvögel nicht mit dem für das Geflügel bestimmten Futter und Wasser in Berührung kommen;

 

jener Absatz 1 beinhaltet: (1)Die Mitgliedstaaten überwachen fortlaufend die spezifische Seuchenlage auf ihrem Hoheitsgebiet und beachten dabei auch die Risiken, die von festgestellten Fällen von HPAI bei Geflügel, in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln anderer Spezies und Wildvögeln in anderen Mitgliedstaaten und benachbarten Drittländern ausgehen, sowie die in Artikel 3 Absatz 1 Buchstabe c genannten Risikobewertungen.

 

Fazit: Nur bei einer akuten Seuchenlage ist überhaupt eine Maßnahme vorgesehen, die dann kurzfristig möglicherweise auch durchführbar wäre.

 

Wir gehen davon aus, dass die betroffene Entscheiderin sich des Fehlers längst bewusst ist. Natürlich ist aber auch sie nur ein Mensch. Wer zunächst in Gutsherrenart ein Dekret erlässt, tut sich danach schwer es zurückzunehmen. Herr Backhaus hielt ebenso viel zu lange, und letztlich für ihn auch folgenlos, an seiner rechtswidrigen landesweiten Aufstallungsanordnung fest, wie das FLI an seiner Behauptung die Wildvögel seien Schuld an der Verbreitung der Vogelgrippe.

Wer für Verfehlungen im Amt keine persönlichen Konsequenzen fürchten muss der macht sich darüber auch weniger Gedanken.

 

Unsere Wünsche für 2020 :

wir wünschen der Kreisveterinärin die menschliche Größe den Fehler zu korrigieren und so eine gerichtliche Auseinandersetzung überflüssig zu machen.

 

Den Menschen aus Deetz und Umgebung die Möglichkeit, 2020 wieder mit gutem Gewissen eine Freiland-Weihnachtsgans genießen zu können.

 

Unser Vorsatz für 2020: Wir, die AG Vogelfrei Cimbria, ein Netzwerk aus Haltern, Züchtern, Wissenschaftlern und Juristen werden Bauer Mösenthin dabei unterstützen.

 

Mathias Güthe

Sprecher der AG Vogelfrei Cimbria

 

 

 

 

 





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